Gymnasien in Zeiten von COVID-19 / Eine Zwischenbilanz

  • Lehrerinnen und Lehrer engagieren sich stark für ihre Schüler
  • Erstmals Unterricht komplett jenseits des Klassenraums
  • Technische Ausstattung leider sehr unterschiedlich

Düsseldorf, 03.04.2020. Seit nunmehr drei Wochen haben die Schulen in NRW geschlossen, um die weitere Ausbreitung der COVID-19 Viren zu verlangsamen. Eltern, Schüler und Lehrer übernehmen so gemeinsam Verantwortung für die Fortführung des Unterrichts. In diesen Zeiten sind Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern im stetigen Austausch und stellen ihnen Unterrichts-, Übungs- und Vertiefungsmaterial zur Verfügung. „Unsere bisherigen Rückmeldungen zeigen: Die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen in NRW zeigen wirklich vollen Einsatz. Die digitalen Voraussetzungen sind unterschiedlich, daher gibt es mancherorts Ausbremsungen durch technische Unzulänglichkeiten und die Notwendigkeit andere Wege zu gehen. Nach unseren Rückmeldungen aus den Gymnasien, kann man aber sagen, dass der digitale und alternative Unterricht gut funktioniert“, erklärt Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologen-Verbandes Nordrhein-Westfalen (PhV NW). Natürlich treten in diesen Zeiten die Unzulänglichkeiten im Gesamtkontext der Digitalisierung besonders hervor. Diesen muss zeitnah auf allen Ebenen entgegengewirkt werden.

Notbetreuung an den Schulen
Das Ministerium für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen hat die Rahmenbedingungen für eine Notbetreuung von Kindern, der Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten, festgelegt. Diese klare und eindeutige Regelung wird von den Schulen konsequent und umfassend umgesetzt. „Die Vorgaben des Ministeriums sind richtig und pragmatisch. Alle Schulen bieten  Notbetreuungsplätze an“, erklärt Sabine Mistler. Allerdings werden in den Schulformen Gymnasium und Gesamtschule diese Betreuungsplätze kaum in Anspruch genommen. Insgesamt werden bisher unter 1 Prozent der vorhandenen Kapazitäten genutzt

Unterschiede in der technischen Ausstattung
Nach Einschätzung des Philologen-Verbandes Nordrhein-Westfalen entstehen Probleme vor allem durch die ungleichmäßige technische Ausstattung der Schulen sowie durch die sehr kurzfristige Intensivierung der digitalen Lehr-Werkzeuge „Wir vermissen jetzt natürlich eine einheitliche Lernplattform und eine geprüfte und schulformspezifische Sammlung von digitalen Tools. Im Moment wird vieles der Kreativität der Lehrer und ihrer Schüler überlassen. Und der Umgang mit den vorhandenen Kommunikationswegen ist sowohl auf Lehrer- wie auf Schülerseite nicht immer perfekt. Es ist für uns alle eine neue Situation, in die wir erst reinwachsen mussten. Es zeigt sich: Vieles hat sich mittlerweile ganz gut eingespielt“, führt Sabine Mistler weiter aus.

Lernen im Home Office 
Elternhäuser bieten unterschiedliche technische Rahmenbedingungen. Während manche Schülerinnen und Schüler eine eigene Büroinfrastruktur haben, nutzen andere ein Tablet oder ihr Smartphone. Genauso gut kann es sein, dass die digitalen Arbeitsplätze auch von den Eltern im Home Office bereits genutzt werden „Diese unterschiedlichen technischen Voraussetzungen müssen Lehrinnen und Lehrer bei jeder Aufgabenstellung berücksichtigen. Das macht viele Vorgänge aufwändiger und deutlich zeitintensiver. Die Pädagogen sind im Moment stellenweise noch stärker belastet als schon unter normalen Bedingungen“, erklärt Sabine Mistler. 

Reger Austausch im Rahmen der Abiturvorbereitungen
Die Verantwortung für eine angemessene Abiturvorbereitung wird von den Lehrkräften sehr ernst genommen, dies zeigen öffentliche Äußerungen von Abiturientinnen und Abiturienten selbst genauso wie Rückmeldungen der Lehrkräfte. Es werden sowohl relevante Materialien zur Verfügung gestellt als auch Foren zum Austausch, Lehren und Lernen innerhalb der Kurse genutzt. Perspektivisch müsste ein Augenmerk auf die jetzigen Schülerinnen und Schüler in der Q1, der Stufe 11, gelegt werden, die bei möglicherweise andauernder Schulschließung sehr viel relevanten Unterrichtsstoff für die Abiturprüfungen im nächsten Jahr nachzuholen haben werden.

Herausforderungen bei Feedback und Kommunikation
Feedback ist bedeutender Bestandteil des schulischen Miteinanders. Der intensive Austausch zwischen Lehrer-Schüler und Schüler-Schüler ist wesentlich für die Lernmotivation und den maximalen Lernerfolg. Dies ist seit den Schulschließungen nicht mehr im selben Rahmen möglich. Sabine Mistler beschreibt die Situation wie folgt: „Wir sind ja nicht Lehrer geworden, um ausschließlich Digitalunterricht zu machen. Das ist auch für uns eine völlig neue Situation. Der direkte Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen und Schülerinnen und Schülern fehlt. Durch die digitalen Unterrichtsformen geht eben viel von der so wichtigen verbalen und nonverbalen Kommunikation verloren. Diese ist sowohl für Lehrende als auch für Lernende wichtig.“ Für die Schülerinnen und Schülern bedarf es nun einer noch größeren Lernbereitschaft, und für die Lehrkräfte liegt die Herausforderung darin, die möglichst besten Lernwege und Materialien für ganze Lerngruppen und eben auch individuell für bis zu 150-200 Schülerinnen und Schüler zu finden. „Das häusliche Lernen kann keinen Unterricht ersetzen“, fasst Sabine Mistler zusammen.