Stellungnahme des nordrhein-westfälischen Philologen-Verbandes

zum CDU-Fraktionsantrag: „Herausforderungen des doppelten Abiturjahrgangs annehmen – wo sind die Konzepte der Landesregierung?“

Drucksache 16/1477


Öffentliche Anhörung des Ausschusses für Innovation, Wissenschaft und Forschung am 13. März 2013, Landtag

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1.

Der nordrhein-westfälische Philologen-Verband warnt seit Jahren mit Nachdruck davor, dass im Jahr des Doppelabiturjahrgangs 2013 in Nordrhein-Westfalen die vorhandenen Studienkapazitäten absolut nicht ausreichen, um den Studierwilligen einen gewünschten Studienplatz anbieten zu können.

Nachdem die Schulzeitverkürzung seit acht Jahren Anfeindungen, stetige Kritik und permanente Optimierungsanstrengungen erlebt und allen Beteiligten ein hohes Maß an Flexibilität und Anstrengungsbereitschaft abverlangt hat, wäre es eine bildungspolitische Katastrophe nun Tausende von Studienanfängern in Warteschleifen und Wartezeiten hinein zu entlassen.

Für das Studienjahr 2013 beziffert das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium die Zahl der Studienanfänger mit ca. 122.900. Im Rahmen einer Pressekonferenz vom 25.10.2012 gab die Wissenschaftsministerin Svenja Schulze die Zahl der Studienanfänger an nordrhein-westfälischen Hochschulen für das Studienjahr 2012 mit 119.134 an.

Da die im Oktober 2012 für das Wintersemester 2012/13 prognostizierte Zahl der Erstsemester noch von 103.343 ausging, im November 2012 jedoch korrigiert wurde auf 101.200 Studierende, dürfte die Studienanfängerzahl für 2012 insgesamt mit 116.991 anzusetzen sein.

Geht man für 2013 in NRW von ca. 179.000 Abiturienten und damit von einer Erhöhung der Zahl der Studierbefähigten um ca. 50.000 aus und berücksichtigt man gleichzeitig, dass ca. 72 Prozent der Absolventen (vgl. Abiturientenumfrage 2011 für die Abiturjahrgänge 2012 und 2013, Quelle: Die Welt 28.9.2012), dann ist es selbst unter der Voraussetzung, dass nicht alle Studierbefähigten im ersten Jahr nach dem Abitur ein Studium aufnehmen, außerordentlich „ehrgeizig“ anzunehmen, dass mit der Bereitstellung von ca. 5.900 weiteren Studienplätzen an den nordrhein-westfälischen Hochschulen die Wünsche tausender zusätzlicher Studienanfänger angemessen berücksichtigt werden können.

Die Wissenschaftsministerin sieht die Hochschulen gut für den doppelten Abiturjahrgang vorbereitet und beteuert in der Pressekonferenz vom 25.10.2012, dass die Hochschulen „kurzfristig“ noch einmal mehr Studienanfängerinnen und -anfänger aufnehmen könnten.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass bei den offiziell vorgelegten Zahlen (vgl. PK 25.10.12) von 14 öffentlich-rechtlichen Universitäten im Vergleich des WS 2011/12 und des Wintersemesters 2012/13 insgesamt 2.199 Studienanfänger (? - 3,5 %) in NRW weniger gezählt wurden. Die Zahlen für 16 öffentlich-rechtliche Fachhochschulen dokumentieren bei dieser Statistik ebenfalls, dass 147 (? - 0,5 %) der Studienanfänger weniger registriert wurden. Insofern sind die erwarteten zusätzlichen ca. 5.900 Studienplätze auch vor dem Hintergrund zu bewerten, dass zum WS 2012/13 mehr als 2.300 Plätze weniger als ein Jahr zuvor vorhanden waren.

In einem Beitrag der Wissenschaftsministerin für die PhV-Verbandspublikation „Bildung aktuell“ heißt es: „Es wird voller werden an den NRW-Hochschulen, es kann hier und da Engpässe geben und es mag auch sein, dass nicht jeder Studierende den Zuschlag für sein Wunschfach am Wunschort bekommt. Aber auch, wenn es hier und da knirscht, sehen sich die Universitäten und Fachhochschulen gut vorbereitet [...]. In diesem Zusammenhang ist es beeindruckend, dass die Hochschulen die Zielvereinbarung mit dem MIWF sogar durchweg übertreffen. Sie nehmen vielfach deutlich mehr zusätzliche Studierende auf, als sie eigentlich müssten. Diese im Hochschulpakt vereinbarten Ziele zur Aufnahme von Studienanfängerinnen und -anfängern dürften auch in den Jahren bis 2015 übererfüllt werden. Gut so, und ein Signal, dass es deutliche sichtbare Planungsprobleme derzeit nicht gibt.“

Der nordrhein-westfälische Philologen-Verband kann diese Aussagen zur Beruhigung nicht nachvollziehen. Auch hat er kein Verständnis dafür, dass der „Schwarze Peter“ der Probleme ständig zwischen Bund und Land wegen unzureichender Prognosezahlen immer wieder hin und her geschoben wird. Jeder weiß, dass die unrealistisch angesetzten KMK-Prognosezahlen für das Studienjahr 2012 bereits mit 17,1 Prozentpunkten für NRW viel zu niedrig angesetzt waren. Auf die Fortschreibung und Anpassung von Vereinbarungen im Rahmen des Hochschulpaktes zu verweisen, hilft im Übrigen Betroffenen wenig. Der Beobachter hat den Eindruck, dass seit Jahren ein Verwirrspiel mit Zahlen betrieben wird.


2.

Mit großer Sorge verfolgt der Philologen-Verband, dass die steigende Zahl der Studierwilligen einhergeht mit einer ständigen Ausweitung und Erhöhung des Numerus Clausus an den Hochschulen.

Es trifft zu, dass ein höher angesetzter Numerus Clausus nicht automatisch auf geringere Kapazitäten schließen lassen muss. Allerdings ist die gegenteilige Schlussfolgerung damit nicht automatisch falsch, wonach ein verschärfter Numerus Clausus nicht gleichermaßen Ausdruck fehlender Kapazitäten sein kann. Wir haben in unserer Pressekonferenz vom 25.10.2012 die Verschärfung der Zulassungsbedingungen in den letzten Jahren in fast sämtlichen Lehramtsstudiengängen in Nordrhein-Westfalen heftig kritisiert und dies auch als Hinweis darauf gewertet, dass die Kapazitäten vor Ort nicht entsprechend ausgeweitet worden sind (vgl. Anlage zur Stellungnahme).

Bei besonders beliebten Studienorten bleibt vielfach nur die Anhebung des Numerus Clausus, um sich der extrem hohen Studierendenzahlen zu erwehren. Doch eine „heile Welt“ zu signalisieren, wenn z. B. wie in Aachen fast sechs Mal so viele Studienbewerber im Vergleich zu den 6.000 im letzten Wintersemester neu eingeschriebenen Studienanfänger zu verzeichnen sind, ist unredlich. Aus Bochum beispielsweise werden vergleichbare Zahlen gemeldet. Selbst bei Doppel- und Mehrfach-Bewerbungen kann man davon ausgehen, dass insgesamt nicht rechtzeitig deutlich mehr und ausreichend Studienkapazitäten geschaffen wurden.

Der Philologen-Verband fordert in Bezug auf die Aufnahmekapazitäten und die Zahl derjenigen, die sich vor Ort um einen Studienplatz bemühen, mehr Transparenz. Wir erwarten, dass das Wissenschaftsministerium eine Dokumentation dazu vorlegt, wie sich die Bewerberzahlen in jeder Hochschule im Vergleich zu den Aufnahmekapazitäten entwickelt haben.

Keiner wird kritisieren, dass herausfordernde ungewöhnliche Situationen übergangsweise auch besondere Notmaßnahmen an den Hochschulen erforderlich machen. Die Flexibilisierung der Vorlesungszeiten, die Nutzung auch ’unorthodoxer‘ Räumlichkeiten, veränderte Mensa-Öffnungszeiten und angepasste Fahrzeiten des Öffentlichen Nahverkehrs vermögen, ggf. Spitzen der Unzumutbarkeit im Studium zu lindern. Doch damit ist das Problem, dass viele Studienbereite in Nordrhein-Westfalen ihr gewünschtes Fach nicht wählen können und keine Chance auf einen Studienort in Nordrhein-Westfalen besitzen, nicht aus der Welt geschafft.

Bei allem Respekt für die Anstrengungen der Hochschulen mutet es zynisch an, dass die Wissenschaftsministerin in dem bereits zitierten Schreiben an den Philologen-Verband das Fazit zieht: „Derzeit rächt es sich, dass zwischen 2006 und 2010 die laufenden Zuschüsse für die Studentenwerke systematisch zurückgefahren wurden – da ist es doch ein Wunder, wenn das am Ende zu Lasten der studentischen Infrastruktur geht. Da helfen dann kurzfristig mitunter nur kreative Maßnahmen: In Bielefeld fahren die Bahnen in Stoßzeiten häufiger in Richtung Universität und Fachhochschule. In Bochum wird warmes Essen – der sogenannte Henkelmann – jetzt auch in Cafeterien angeboten. An einigen Standorten steht ein Pizzawagen.

Berücksichtigt man alle bisher bekannten positiven und negativen Faktoren, ergibt sich ein klares Fazit: Die Hochschulen und das Land NRW sind gut vorbereitet. Die jungen Frauen und Männer können kommen. Wir freuen uns auf sie.“

Zweifellos zählt zu den sich verschlechternden Rahmenbedingungen vor Ort auch, dass sich - so die Meldungen des Statistischen Bundesamtes – die Betreuungssituation an den Universitäten wie auch an den Fachhochschulen in den letzten Jahren in Deutschland verschlechtert hat.

3.

Sollte sich bewahrheiten, dass eine große Zahl von Studierwilligen 2013 in Nordrhein-Westfalen aufgrund fehlender Studienkapazitäten keine Chance besitzt, ihr Studium aufzunehmen, dann ist zugleich die Reform der Schulzeitverkürzung (G8) gescheitert!

Es ist inakzeptabel, den Aufwand und die Herausforderung einer achtjährigen gymnasialen Schulzeit mit zahlreichen Neuerungen, mit leider auch schulpolitischen Verwerfungen und mit einer hohen zeitlichen Arbeitszeitverdichtung für alle Beteiligten hingenommen und bewältigt zu haben, um am Ende auf Wartezeiten und Warteschleifen hin vertröstet zu werden. Jetzt den fertig werdenden Abiturienten einen Auslandsaufenthalt oder ein Praktikum nahezulegen, ist nicht hinnehmbar. Und einerseits immer wieder eine höhere Akademikerquote zu beschwören und zugleich den jungen Menschen allenfalls die Aufnahme eines Studiums in einem keineswegs gewünschten Fach ‘irgendwo, irgendwann, irgendwie‘ in Aussicht zu stellen, ist eine Katastrophe.

Der nordrhein-westfälische Philologen-Verband warnt vor Zahlenspielereien und vor einer Beschwichtigungspolitik.

Wir warnen vor einem Studier-Gau infolge völlig unzureichender Studienkapazitäten und unzumutbarer Rahmenbedingungen für das Studium.

Wir warnen davor, dass die Landesregierung Tausende von Studienanfängern im Stich lässt.

Düsseldorf, den 07.03.2013


gez. Peter Silbernagel


   - Vorsitzender -

 

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